„Niemand zensiert, niemand kontrolliert“, sagt Schriftstelller Olaf Georg Klein über das Tagebuch. Seit er 16 Jahre alt ist, schreibt er besondere Erlebnisse auf – und ist damit nicht allein. Auch Kafka, Thomas Mann und Susan Sontag führten Tagebuch. (…)
Aber Tagebuchschreiben ist ja ein absolutes Reich der Freiheit. Sie können schreiben, was Sie wollen. Niemand zensiert, niemand kontrolliert. Sie können auch Tage aussetzen. Sie können auch einfach mal nur vor dem Tagebuch sitzen, ruhig werden, und dann schreiben Sie rein: „Heute nichts geschrieben.“ Berühmter Eintrag von Kafka. So bedeutet das eine bestimmte Haltung dem Leben gegenüber, zu sagen: Das Leben soll nicht einfach nur vorbeirauschen, ich will nicht einfach nur funktionieren und überleben, sondern ich möchte es gleichzeitig reflektieren und mich damit auch selbst ein Stück mit hervorbringen. (…)
Man kann wirklich seinem eigenen Denken auf die Spur kommen. Oder wie Susan Sontag zum Beispiel, die ein authentisches Tagebuch geschrieben hat, das dann gegen ihren Willen von ihrem Sohn veröffentlicht wurde – ein ganz eigenes Drama, muss man auch noch mal extra beleuchten. Aber sie sagt einmal: „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich nicht lese, was ich schreibe?“ Das Schreiben ist ein anderer, sortierender, konzentrierender Prozess, der etwas mit mir und meinem eigenen Denken und meinem Sein auch im Alltag macht. (…)
Und die wirklich wirkliche Energie, die Sie aus einem Tagebuch ziehen können, ist, wenn Sie es wirklich um seiner selbst willen machen und nicht mit dem Gedanken, es zu veröffentlichen. Erst dann kommen Sie wirklich bei Ihrem eigenen Selbst an, erst dann sind Sie wirklich radikal ehrlich. Erst dann können Sie wirklich, wenn Sie dann eine Woche, einen Monat, ein Jahr später Ihr eigenes Tagebuch lesen, daraus wirklich Nutzen ziehen. (…)
Es ist ja auch eine Art Widerständigkeit gegen diesen Zeitgeist, dass alles immer sofort einen äußeren Nutzen haben muss, und dass ich immer mich im außen verliere. Sondern es geht darum, nicht nur um das Anhalten, sondern um das Innehalten. Das ist ein ganz feiner Unterschied. Dann geht es darum, nach innen zu gehen. (Olaf Georg Klein)
Als langjähriger Tagebuchschreiber (seit 6.9.1979, Tagebuchgeschenk meiner Nichte Petra zum 22.Geb.) kann ich die obigen Aussagen voll und ganz bestätigen. Das Tagebuchschreiben gehört für mich zum täglichen Tageablauf wie das Zähneputzen. Es gibt meinem Leben die notwendige Struktur, Form, Ordnung und Balance, um mit den täglichen übermäßigen Inhalten und Informationen wenigstens einigermaßen klarzukommen. Wie das Leben selbst läuft dieses Nacherzählen nicht nur chronologisch, linear, konstant, kontinuierlich, gradlinig, zusammenhängend, sondern zugleich auch immer sprunghaft, ungeordnet, bruchstückhaft, chaotisch, unberechenbar, komplex ab. Mit diesen teilweise unvereinbaren Widersprüchen muss man zu leben lernen. Lese hierzu bitte ‚Über thrawn‚ von John Burnside aus seinem Erzählband ‚Über Liebe und Magie‘ (‚I put a spell on you‘). Thrawn als Sinnbild für die unordentliche Ordnung, die Schönheit des Nutzlosen, den Wert der Widersprüchlichkeit und freudigen Verweigerung in uns.