Eine App, die uns fürs Trinken bezahlt
Seit sechs Jahren protokolliere ich meinen Flüssigkeitskonsum mit der Water-Minder-App. Eine positive Sache: Ich trinke ausreichend, was mir guttut. Nebenbei habe ich einen Blick auf meinen Alkoholkonsum. Mir fällt es zwar leicht, mich zurückzuhalten. Die Daten sind dennoch nützlich, um mir meine Gewohnheiten und deren Veränderungen bewusst zu machen. Das bewährt sich für mich besser als eine dedizierte Alkohol-Tracking-App.
Für einige der Getränke gibt es Punkte, für andere nicht.Die Water-Minder-App hat sich seit 2020 nur moderat weiterentwickelt. Neulich kam eine Neuerung hinzu, die mein Interesse und mein Misstrauen weckte. Beim Protokollieren von Tee, Milch, Mineral- und Hahnenwasser sowie den El Tonys bietet sie mir an, Punkte zu sammeln. Eine Tasse Tee gibt 8,6 Punkte, die Milch fürs Müesli 6,2. Die Zahl scheint mit der Menge zu korrelieren.
Ein Gamification-Schnickschnack, könnte man sich denken. Doch das täuscht.
Die Punkte lassen sich, wenigstens theoretisch, in echtes Geld umwandeln. Für manche mag das so klingen, als ob ein Traum wahr würde: trinkenderweise Geld verdienen? Eine neue Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten?
Spoiler: Nein. Der Wechselkurs ist nicht prickelnd: 12878,3 Punkte ergeben einen US-Dollar. Um zehn Dollar zu verdienen, müsste ich mir 374 Liter hinter die Binde kippen. Dank der Water-Minder-App weiss ich, das mein Konsum für 2025 genau 803 Liter betrug (28 Prozent Tee, 24 Prozent Wasser, 15 Prozent Mineral, neun Prozent Schorle und fünf Prozent El Tony und Rivella; unter ferner liefen Suppen, Wein und Bier).
800 Liter trinken und 15 Dollar kassieren
Das ergäbe gut zwanzig Dollar, würden alle Getränke angerechnet. Das ist nicht der Fall. Koffeinhaltige Getränke und solche mit mehr als 10 oz sind nicht anrechnungsfähig, und höchstens ein Getränk pro Stunde wird gezählt. Es gibt einige weitere Regeln, die den Erlös reduzieren. Unter dem Strich kämen 15 Dollar rum. Bei mir wird das in einigen Monaten so weit sein. Dann werde ich mir in der App Premium-Funktionen freischalten können, lautet das Versprechen.
Ignorieren wir die Frage, wie gross der daraus resultierende Anreiz ist. Fragen wir uns stattdessen, wer Geld dafür aufwirft, um Leute wie mich zum Trinken zu bringen – und was seine Gründe sein könnten. Und bringen wir in Erfahrung, wie wir konkret vorgehen müssen, um uns dieses Vermögen in bar auszahlen zu lassen.
Memecoins! Die Blockchain! Handel mit Swissquote!
Also: Die App erklärt, dass es sich bei den Punkten um sogenannte $FUNN-Token handelt. Dahinter stecke die Solana-Blockchain.
Der Kursverlauf der FUNN-Token.Aha. Wikipedia weiss zu berichten, Pump.fun sei eine Plattform für Kryptowährungen. Sie existiert seit dem 19. Januar 2024 und funktioniert gemäss Beschreibung wie folgt:
Mit Pump kann jeder Coins erstellen. Alle auf Pump erstellten Coins werden fair eingeführt, was bedeutet, dass jeder beim ersten Erstellen des Coins den gleichen Zugang zum Kauf und Verkauf hat.
Schritt 1: Wähle einen Coin, der dir gefällt.
Schritt 2: Kaufe den Coin auf der Bonding-Kurve.
Schritt 3: Verkaufe jederzeit, um deine Gewinne oder Verluste zu sichern.
Auf Englisch ist die Formulierung «auf Pump erstellte Coins» nicht so lustig wie auf Deutsch. Das heisst nicht, dass es auf dieser Handelsplattform nichts zu lachen gäbe. Im Gegenteil: Möchte jemand Testicles kaufen? Das ist ein Coin, der am 21. Dezember 2025 ins Leben gerufen wurde. Am 11. Januar stand der Wert auf 26 Millionen, am 29. Januar noch auf 6,5. Soll ich den Witz machen, dass es niemals eine gute Idee war, sich bei den Finanzgeschäften fremde oder eigene Familienjuwelen zu verjuxen?
In Testicle zu investieren, ist nicht angezeigt.Es gibt auch den Dolan Duck, den Tariff Man, den Sartoshi und den Elon 2024. Und den Wilhelm Tell. Letzterer ist meine Kreation: «As rock solid as the Swiss frank, only much cooler and as sharp as the tip of a crossbow bolt.» Fünf Sekunden nach der Kreation hatte der WTELL eine Marktkapitalisierung von 3400 Dollar. Hat vielleicht Gessler investiert?
WTELL, anyone?
Nun wollt ihr sicherlich wissen, ob ihr selbst WTELL kaufen könnt. Die Antwort ist ein Ja. An der Pump-Börse wird Solana akzeptiert, und diese Kryptowährung könnten wir via Swissquote oder eine der anderen Anlaufstellen erwerben oder veräussern. Wir könnten sowohl den WTELL, als auch den FUNN und irgendeine der anderen Spass-Währungen handeln. Ausprobiert habe ich das nicht. Und ohne ein Finanzexperte zu sein, rate ich euch dringend davon ab.
Zwar entsteht Geld in gewisser Weise aus dem Nichts. Doch jedem von uns sollte klar sein, dass das leider nicht bedeutet, dass jeder von uns es nach eigenem Gutdünken erzeugen kann. Pump erweckt zwar diesen Eindruck. Aber solange keine echte Nachfrage nach einem Meme-Coin entsteht, wird er im Wert nicht steigen. Im Gegenteil: Der wahrscheinlichste Ausgang ist, dass Leute aus Neugierde, Eitelkeit oder Unverständnis ihre Währung erzeugen, Geld darauf setzen und das im weiteren Verlauf der Ereignisse verlieren.
Eine elaborierte Werbeaktion
Zurück zur Frage: Warum zum Teufel belohnt mich meine App mit diesen Punkten? Es ist einerseits eine Art Treuesystem, das Nutzerinnen und Nutzer der App bei der Stange halten soll. Andererseits dient es dazu, die User an den Pump-Marktplatz heranzuführen – quasi mit einem nebenbei erarbeiteten Startvermögen. Ich tue vermutlich niemandem Unrecht, dass das dem «Willkommensbonus» im Spielcasino entspricht. Die Gefahr, im Weiteren durch Gebühren und Fehlspekulationen effektiv draufzulegen, ist gross.
Der Hersteller, Funnmedia, hat weitere Apps in petto, u.a. Fitnessview, Calory und Wins. Ich nehme an, dass der Belohnungsmechanismus von Waterminder ebenfalls in diesen Apps steckt (nachgesehen habe ich nicht).
Hier kann man seine gesammelten Punkte in die Cryptowährung transferieren.Zurück zur eigentlichen Frage: Rollt der Rubel?
Nein, zumindest bei mir nicht. Es gelang mir nicht, diesen Kreislauf zu schliessen und mir mit Water Minder einen Zufluss an Liquidität zu verschaffen. Vermutlich liegt es daran, dass ich ein Cryptocurrency-Greenhorn bin. Ich habe es geschafft, mir in der App ein Wallet einzurichten und meine gesammelten Punkte in $FUNN-Coins umzuwandeln. Wie ich weiter mit diesem Wallet verfahren könnte, erschliesst sich mir nicht. Vermutlich könnte ich auf solscan.io damit handeln, aber meine Lust, das auszuprobieren, hält sich in Grenzen. Falls hier Profis sind, die mir Tipps geben können, freue ich mich über einen Hinweis per Kommentar.
Der App-Store treibt immer seltsamere Blüten
Fazit: Was mich angeht, wäre es mir definitiv lieber, wenn meine Wasser-Tracking-App mir nicht gleichzeitig den Handel mit Kryptowährungen schmackhaft machen wollte. Mir reicht es, wenn sie ihren eigentlichen Zweck erfüllt. Was wir hier sehen, ist ein Zeichen dafür, dass mit Software selbst anscheinend nicht mehr ausreichend Geld verdient wird. Oder dass sie von manchen Herstellern nicht mehr als Wert an und für sich gesehen wird, sondern bloss als Rampe für nachgelagerte Geschäfte, die eine höhere Gewinnspanne versprechen.
Und die darf man als dubios bezeichnen: Hier wird von einer Klage wegen Marktmanipulation gegen die Pump.fun-Plattform berichtet. Yahoo meldete im Dezember, dass ein ehemaliger Entwickler der Plattform wegen Betrugs in Höhe von zwei Millionen US-Dollar mit Solana zu sechs Jahren Haft verurteilt worden sei. Der FUNN-Coin befindet sich auf Sinkflug.
Und hey, das Ding heisst Pump. Ich würde behaupten: Wie in Pump and Dump, einer Form der Marktmanipulation durch Insider …
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