Stolze Lifestyle-Teilzeiterin
Ich arbeite in einem 70-Prozent-Pensum. Ich kümmere mich daneben weder um Kinder noch um ältere Menschen. Damit bin ich eine Lifestyle-Teilzeiterin. Bis vor kurzem habe ich mich augenzwinkernd selbst so genannt. Seit dieser Begriff in der aktuellen Debatte in Deutschland zu einem gesellschaftlichen Feindbild geworden ist, verwende ich ihn sogar mit Stolz.
Zeit ist Geld – nur weniger privat
Schon früher kam es sporadisch dazu, dass andere mein Lebensmodell hinterfragt haben. Seltsamerweise besonders oft bei Hochzeitsfeiern. Wie auch in diesem Fall. Es stört mich nicht besonders. Im Gegenteil: Ich finde es spannend, darüber zu diskutieren, wofür wir unsere Lebensstunden einsetzen. Zeit ist schliesslich Geld – nur kann man vorbehaltsloser darüber sprechen. Denn offensichtlich wird der HSG-Absolvent von keiner Anstandskonvention zurückgehalten, als er bereits beim ersten Weissweinglas meinen angeblich verschwenderischen Umgang mit Zeit kritisiert.
Geld als Kriterium für Sinn
Was mich dabei irritiert, ist nicht die Frage nach der Zeiteinteilung, sondern das dahinterliegende Kriterium. Meist scheint nur eines zu zählen, wenn es darum geht, ob jemand seine Zeit sinnvoll investiert: Wirst du dafür bezahlt?
Die implizite Logik lautet: Nur wer 100% arbeitet, leistet einen sinnvollen Beitrag für die Allgemeinheit. Wer weniger arbeitet, muss das rechtfertigen – idealerweise mit einer hochbetagten Mutter oder mindestens drei Kindern.
Süchtige abzocken – ein Mehrwert?
Dabei könnte man auch fragen: Welchen gesellschaftlichen Beitrag leistet deine Lohnarbeit eigentlich? Macht es unsere Welt besser, wenn jemand zu 100 Prozent in der Glücksspielindustrie tätig ist? Oder ist die Zeit sinnvoller investiert, wenn man 60 Prozent in der Gastro arbeitet und daneben Juniormannschaften trainiert, Dorffeste auf die Beine stellt, Lieder schreibt, Bilder malt und Freundschaften pflegt?
Wäre tatsächlich Geld der Massstab für Sinnhaftigkeit, stünden Pflegekräfte ganz oben auf der Gehaltsliste.
Der Markt als Moralinstanz
Eine zweite Grundannahme schwingt in dieser Diskussion oft unhinterfragt mit: Nur ein nützliches Leben ist auch ein sinnvolles Leben. In der deutschen Debatte geht es darum, wie das Wirtschaftswachstum angekurbelt werden kann. Es ist nicht falsch, diese Frage zu stellen. Aber Wirtschaftswachstum ist nicht der einzige Massstab, um festzustellen, ob die Gesellschaft in eine gute Richtung läuft. Vielleicht ist gerade das Leben sinnvoll, welches sich diesem Massstab verweigert?
Genuss als Lebenssinn
Mein Theologinnenherz atmet auf – endlich sind wir bei den grundsätzlichen Fragen angelangt: Was ist der Sinn des Lebens – und wie sieht ein gutes Leben aus? „Arbeiten“ kann eine Antwort darauf sein. Aber es ist nicht die einzige. Kein anderes Lebewesen als der Mensch schaut in den Sternenhimmel und staunt. Wir sind die einzigen, die auf einen Berg hinaufgehen, um die Aussicht zu geniessen. Die Lebensmittel miteinander kombinieren, um ein möglichst leckeres Menü zu kochen. Wir sind fähig, das Leben zu geniessen. Warum also sollte man sich dafür schämen, wenn man auf Lohn verzichtet, um Zeit für Genuss zu haben?
Kaputtes Messgerät
Aus diesem Grund habe ich aufgehört, Argumente zu verwenden wie: «Man kann sowieso nur 6h pro Tag wirklich produktiv sein» oder «Je zufriedener desto leistungsstärker» – obwohl beides belegt ist. Aber ich möchte mein Leben nicht an Produktivität messen.
Ich möchte kein schlechtes Gewissen haben, weil ich Zeit geniesse: tiefe Freundschaften pflegen; auf dem Sofa zu sitzen und spüren, was die Welt mit mir macht; zehn Stunden an einem Text zu schreiben, obwohl die Bezahlung knapp fünf Stunden abdeckt.
Göttliches Ziehen statt wirtschaftlicher Druck
Das alles macht mir Freude – aber ich tue es nicht nur deshalb. Es ist meine Art, mein Umfeld zu gestalten: Als Freundin bin ich für andere da. Als Texterin pflanze ich Gedankengärten oder streichle Gefühle, bis sie schurren. Ich spüre diesen Drang, die Welt um mich herum nicht so zu belassen, wie sie ist. Dieses innere Ziehen scheint mir fast schon göttlich zu sein: einerseits, weil ich beobachte, wie Menschen aufblühen, wenn sie diesem Antrieb folgen. Andererseits, weil Gott die Menschen schon auf den ersten Bibelseiten dazu anhält, den Weltklumpen zu formen.
Diese Berufung war schon da, bevor es Lohnarbeit gab – und geht weit darüber hinaus.
#Arbeit #Gesellschaft #Teilzeit